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Die Teufelsgrube im Rammelsberg

Gespeichert von Frank am/um 1. Oktober 2011 - 12:51

Die Teufelsgrube im Rammelsberg

In einer der Gruben des Rammelsberges saß einst ein junger fränkische Bergknappe vor Ort und führte mit kräftiger Hand Schlegel und Feustel. Dennoch wollte die Arbeit bei ihm nicht flecken. Die Erzwand schien schier so hart wie Diamant. Er mochte das Eisen ansetzen, wie er wollte, es prallte stets zurück und löste so wenig, dass es sich kaum der Mühe lohnte. Wie das zuging, konnte der sich sonst so geschickte Knappe nicht erklären. Schließlich meinte er, man habe es ihm angetan.

Der Steiger, ein Sachse, mochte ohnehin die Fremden nicht leiden. Als er nun die geringe Menge Erz sah, die der Bergmann gelöst hatte, schalt er ihn kräftig und drohte, ihn zu entlassen, wenn er das versäumte nicht nachhole. Der Knappe entgenete, dass es ihm nicht möglich sei, in der Grube mehr Gewinn zu erzielen, und wenn er sich auch zu Tode arbeite. Hämisch rief der Steiger: "Dafür nehmt Ihr Euch schon in acht, man sieht an dem gewonnenem Erz, was für ein fleissiger Bursch ihr seid.!" Dem armen Bergmann blutete das Herz. Um seinen Ärger zu verbeißen, hieb er wie rasend auf das Gestein los - doch ohne Erfolg. Der Steiger, der ihm eine Weile zugesehen, riss ihm endlich  Schlegel und Eisen aus den Händen und sagte: "Muss Euch Ungeschickten wohl zeigen, wie ihr ihn anzusetzen habt! Denn so wie ihrs macht, kann man in aller Ewigkeit nichts ausbeuten." Aber auch der Steiger vermochte nichts auszurichten. So sehr er sich abmühte, es gelang ihm nicht, auch nur das kleinste Stückchen Erz zu lösen. Da warf er zuletzt Schlegel und Feustel zur Erde und rief zornig: " Hier mag der Teufel vor Ort sitzen!" Er befahl dem Knappen, ihm zu folgen, damit er ihm eine andere Grube anweise. Kaum haben beide den Fahrschacht verlassen, so gesellt sich ein fremder Bergmann zu ihnen und bietet dem Steiger seine Dienste an. Dieser betrachtet den stämmigen, hochgewachsenen Burschen von Kopf bis Fuß, fagt ihn nach Namen und Herkunft und denkt: "Der kann sich da unten ein bisschen verlustieren. Mag er dort sein Probestück ablegen!" Und somit schickt er ihn in die nach seiner Ansicht verzauberte Grube. Als er nach einiger Zeit zum Nachsehen kommt, findet er einen so großen Haufen Erz gelöst, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Mit grinsendem Gesicht schaut ihn der neue Knappe an und fragt, ob er mit seiner Arbeit zufrieden sei. Der Steiger bejaht die Frage. Doch wird ihm in der Nähe des Knappen so seltsam zumute, dass er unwillkürlich zusammenschrickt, und, sein "Glückauf!" murmelnd, fährt er zu Tage.

Bald verbreitet sich die Kunde von der ungewöhnlichen Kraft und Tüchtigkeit des fremden Bergmanns, der aus der Grube, die vorher gar keinen Gewinn lieferte, täglich dreimals soviel Erz förderte, als seine Kameraden in der selben Zeit an leichteren Abbaustellen. Das verdross die anderen Bergleute, und sie suchten ihn durch Hänseleien und Neckereien zu ärgern. Allein der Fremde war stärker als sie, und so wagten sie sich nicht mehr offen an ihn heran. Desto mehr suchten sie ihm durch List und Tücke zu schaden. Man schob ihm beim Fortschaffen des Erzes stets die schwersten Lasten zu, die für Menschenkraft kaum zu bewältigen waren, und ließ ihn das Doppelte und Dreifache dabei verrichten. Anfangs schien der neu Knappe sich nichts daraus zu machen. Als man ihn aber immer schlimmer hinterging, beschwerte er sich beim Steiger. Dieser aber wäre den unheimlichen Gesellen schon längst gern auf gütliche Art wieder los gewesen, und so nahm er die Knappschaft in Schutz und gab ihm selber die Schuld. Ja, er nannte ihnsogar einen Lügner. Da riss der Bergmann Kittel, Hinterleder und Schachthut ab, warf alles dem Steiger zu Füßen und rief: "Ha, Du nichtswürdiges Menschengeschlecht, Du heisst mich einen Lügner, aber unter Dir ist allenthalben nichts zu finden als Arglist, Lug und Trug!" Leichenblass war der Steiger zu Boden gestürzt, denn vor ihm stand der Böse in leibhaftiger Gestalt. Drohend hob er die geballte Faust und stampfte so heftig mit den Füßen, dass die Grube unter schrecklichem Krachen zusammenbrach und den ungerechten Steiger begrub. Dann verschwand er vor den Augen der entsetzt dastehenden Bergleute mit höllischem Gelächter.

Die Stelle aber, wo der Teufel einst gearbeitet hat, ist noch heute jedem Bergmann Goslars bekannt. Sie heisst seitdem die "Teufelsgrube".