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Scharfrichter Kraft

Gespeichert von Frank am/um 4. Oktober 2011 - 12:38

Scharfrichter Kraft

Vor hundert Jahren lebte in Goslar ein Scharfrichter namens Kraft, dem die Macht gegeben war, Geister und Menschen festzubannen. Auf seinen Willen standen sie unbeweglich wie Bildstöcke, und wiederum sein Wille konnte sie aus der Erstarrung lösen. So tat er es einst mit einer Frau, die sich schon oft an seinen Gartenfrüchten vergriffen hatte. Er ertappte sie einst in seinem Garten, wie sie eben mit ihrem schwer beladenen Tragkorbe die Gartenmauer erklettert hatte, um sich davonzumachen. Da rief Kraft: "Sitze da bis morgen abend um diese Zeit, damit alle Kirchgänger dich sehen!" - und wie angeschmiedet hockte das Weib den ganzen folgenden Sonntag auf der Mauer, allen frommen Kirchgängern zur Augenweide und zum Spott. Erst in später Abendstunde löste Kraft den Bann. - Die Frau hat nie wieder fremde Güter in diebischer Absicht besucht.

Kraft konnte indes seine Hände auch gerade nicht in Unschuld waschen, denn ein Stück Wild in fremdem Gehege zu schießen, achtete er für keine Sünde. Er meinte nämlich, dass der an seinen Früchten angerichtete Wildschaden am besten dadurch wieder gutgemacht würde, wenn ihn ein guter Hirsch oder feister Rehbock mit Haut und Haar selbst bezahle. Als er einst einen Rehbock erlegt hatte und eben das Knie auf die Beutze setzte, um sie auszuweiden, erblickte er in geringer Schussweite den Förster, der das Gewehr auf ihn anschlug. "Warte mit dem Schießen, bis ich fertig bin!" rief Kraft, und - der Förster stand, das Gewehr im Anschlag, ohne ein Glied zu rühren zu können. Kraft weidete nun ganz ruhig seinen Rehbock aus und machte sich dann gemächlich damit auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, sagte er einem Juden, der des Weges ging, er möge nun dem Förster sagen, das Warten sei nicht länger nötig, Kraft sei schon im Hause. Erst als der Jude die Bestellung ausgerichtet hatte,  wurde der Förster wieder lebendig. Er ging fluchend seiner Straße, wagte aber nie wieder, den Scharfrichter zu stören, wenn dieser sich für angerichteten Wildschaden bezahlt machte.

Auf einer Reise kam Kraft in ein einsames Wirtshaus. Er bat um ein Nachtlager, ward jedoch vom Wirte barsch abgewiesen, weil kein Platz mehr im Hause sei. Kraft machte Gegensvorstellungen, und auf das laute und heftige Reden der beiden öffnete ein Reisender das Fenster und bat Kraft, nachdem er gehört, worum es sich handele, das Zimmer mit ihm zu teilen. Das Anerbieten nahm Kraft gern an, obgleich der Wirt heftig widersprach. Der Reisende war ein Kaufmann, der viel Geld bei sich führte, und die Angst um seine Habe und sein Leben, dass ihm in dem unheimlichen Hause nicht gesichert schien, hatte ihn veranlasst, sich in Kraft einen Gesellschafter und nötigenfalls Beschützer zu suchen. Der Reisende hatte aus Furcht weder Essen noch Trinken berührt, welches sich der Scharfrichter nun ganz sorglos und gemütlich schmecken ließ. Doch die Befürchtungen des Fremden waren nicht unbegründet gewesen, denn gegen Mitternacht traten leise sechs vermummte Kerle mit geschwärzten Gesichtern und gezückten Messern in das Zimmer, um die beiden Fremden, die sich schlafend wähnten, zu ermorden. Allein sie hatten sich bitter getäuscht, Kraft wachte, und auf seinen raschen Befehl standen die Räuber mit erhobenen Messern unbeweglich da. "Jetzt muss ich euch erst einmal eure schwarzen Gesichter waschen", sagte Kraft, "später werde ich noch mehr mit euch zu tun haben." Die Gebannten mussten das Waschen erdulden, ohne eine Miene verziehen zu können, und als das Geschäft beendigt war, erkannte man in ihnen lauter berüchtigte Bösewichter und als ihren Anführer den Wirt vom Hause. Als hinreichende Mannschaft zusammengebracht war, um die Räuber abzuführen, machte Kraft sie los, um sie einige Wochen später den Raben zur Speise auf dem Rade festzumachen.